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Tuesday 07th of September 2010

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Qualität

Qualitativ hochwertige humanitäre Hilfe entsteht nicht aus einer spontanen Regung, helfen zu wollen. Inmitten einer oft von Chaos und widersprüchlichen Informationen geprägten Lage in einem Katastrophengebiet müssen von Projektleitern und Helfern Entscheidungen getroffen werden, die weit über den Horizont der akuten Soforthilfe hinausgehen.

Die Fehlertoleranz in der humanitären Sofort- und Nothilfe geht gegen null. Wählt ein Bauer für seinen deutschen Acker das falsche Saatgut, mag dies zu wirtschaftlichen Verlusten führen. Macht man einen solchen Fehler großflächig in Ostafrika, kann dies viele Menschenleben kosten. Der Begriff „Qualität“ hat in der humanitären Hilfe eine besondere Dimension, denn es geht hierbei für die Empfänger der Hilfe oft genug nicht um „gut“ oder „besser“, sondern um Leben oder Sterben.

Selbst Großspender wichtiger Hilfswerke erliegen mangels detaillierter Informationen häufig dem Irrtum, humanitäre Hilfe sei doch eigentlich nicht sonderlich kompliziert: Hilfsgüter kaufen und verteilen, eventuell noch ein Transportproblem lösen – fertig. Oder doch nicht ?

Die folgenden Absätze und Beispiele mögen verdeutlichen, warum sich hinter scheinbar einfachen Vorgängen im Bereich der humanitären Hilfe hoch komplexe Prozesse verbergen, und warum „helfen“ nicht nur aus „kaufen und verteilen“ bestehen kann und darf:


Was ist „Qualität“?

a) Schnell, kostengünstig, Geber-orientiert: Die operative Qualität

Die Bestimmung des Qualitätsbegriffs über die Erwartungen der Mittelgeber und der durchführenden Organisationen ist relativ einfach: Es muss rasch, flächendeckend und dabei kostengünstig geholfen werden. Dies entspricht den Erwartungen der Öffentlichkeit, und nur wenn diese drei Kriterien erfüllt sind, können über entsprechende Medienarbeit zusätzliche Spenden eingeworben werden.

Dieses Vorgehen führt in der Praxis allerdings zu erheblichen Problemen, denn in diesem Schema definiert der Mittelgeber, wann, wo, wie und in welchem Zeitrahmen Hilfe geleistet wird. Die wohl häufigste Ursache für eine Geber-Definition ist das Argument der „höheren Qualifikation“. Man nimmt an, dass z.B. ein höherer Bildungsstand mit großer Wahrscheinlichkeit zu einem besseren Konzept führt – der Empfänger wird (bewusst oder unbewusst) als unqualifiziert zur Beurteilung von Nutzen, Zielen und Inhalten gesehen.

In mancherlei Hinsicht mag dies einzelnen Vorhaben sogar förderlich sein: Es vermeidet Diskussionen und beschleunigt so Prozesse, es herrschen klare Vorgaben, die erreicht werden sollen. Man sollte jedoch in diesem Zusammenhang vermeiden, den Begriff „Qualität“ zu verwenden: Von qualitativ hochwertigen Ansätzen ist eine solche „Gutsherren“-Gedankenwelt weit entfernt.


b) Bedarfsgerecht, nachhaltig, Empfänger-orientiert: Die Value – Qualität

Eine alte, noch immer gültige Definition aus dem Bereich der Konsumgüter-Produktion lautet: „Quality is fitness for use“. Im Bereich der humanitären Hilfe müssen Geber und Empfänger von dieser „fitness for use“ überzeugt sein. Kombiniert man dies mit weiteren Kriterien wie Nachhaltigkeit und dem oft verwendeten „do no harm“-Prinzip, dann erhält man eine Basis für folgende Definition:


Qualität ist der unmittelbare und nachhaltige Nutzen von Unterstützungsleistungen für den Empfänger, ohne dabei andere Personen, Gruppen oder Bevölkerungsteile zu benachteiligen, in ihren Rechten zu beschneiden und zukünftige Generationen oder die Umwelt zu belasten.


Mangelnde Mitsprachemöglichkeiten des Empfängers bei Entscheidungen werden von der Geberseite häufig mit „Zeitmangel“, „Kommunikationsbarrieren“ oder auch schlicht mit „fehlender Qualifizierung der Empfänger“ begründet: Man traut den Empfängern nicht zu, qualifizierte Beiträge zur Entscheidungsfindung zu leisten.

Dabei ist längst erwiesen, wie wichtig die Mitsprache der Empfänger für den Projekterfolg ist. Beide Seiten können wichtige Einflussfaktoren übersehen, daher ist die „Partizipation“ eines der wichtigsten Kriterien im Bereich Qualität: Geber und Empfänger sollten gemeinsam an Lösungen arbeiten und auch gemeinsam entscheiden.


Qualitätsmerkmal „Umfang“

Die Qualität, und somit der reale dauerhafte Wert einer Hilfeleistung für die Opfer, bestimmt sich nur zu einem geringen Teil über die Quantität – dem „wieviel“. Ein weiteres, symbolisches Beispiel aus der Landwirtschaft: Eine Obstplantage wird mit einem Bewässerungssystem ausgestattet, um Trockenperioden überbrücken zu können. Bewässert man zu viel, werden die im Boden vorhandenen Nährstoffe ausgeschwemmt. Bewässert man dauerhaft zu viel, können die Wurzeln keinen Sauerstoff mehr aufnehmen und die Pflanzen ersticken.

Lässt man das richtige Maß für eine Hilfeleistung außer acht, führt dies zur Erstickung der Selbsthilfekräfte bei den Opfern und einer dauerhaften passiven Empfänger-Mentalität, die jeglichem auf die Zukunftsentwicklung gerichteten Handeln entgegensteht.


Qualitätsmerkmal „Geschwindigkeit“

Als typisches Qualitätsmerkmal in der humanitären Hilfe wird häufig die Geschwindigkeit angeführt: „Schnelle Hilfe ist gute Hilfe“. Für die Bergung von Verschütteten nach einem Erdbeben und die medizinische Versorgung von Verletzten gilt dies sicherlich genauso wie für die Erstversorgung mit Trinkwasser, Lebensmitteln und weiteren überlebenswichtigen Materialien.

„Schnelle Hilfe“ bedeutet jedoch auch viel zu oft „unüberlegte Hilfe“: Milchpulver aus EU-Überschussproduktion für eine Region mit weit verbreiteter Laktose-Unverträglichkeit der Bevölkerung; Nicht imprägnierte Zelte ohne Öffnung für ein Ofenrohr für eine Gebirgsregion mit meterhohem Schnee; Gentechnisch verändertes Saatgut aus einer „Sachspende“ eines Agrarkonzerns; Stromgeneratoren ohne Benzin, Öl oder Gebrauchsanweisungen in der Landessprache... diese Aufzählung läßt sich -leider- beliebig verlängern.


Qualitätsmerkmal „Management / handelnde Personen“

Verantwortungsvolle Hilfe benötigt Sachverstand, Erfahrung sowie ein tiefgehendes Verständnis der politischen, wirtschaftlichen, militärischen, sozialen, kulturellen und religiösen Strukturen am Einsatzort. Jede Entscheidung bedarf neben einer gesicherten Analyse des Ist-Zustands auch einer Prognose über die Lage in einer Woche, einem Monat, einem Jahr... Welcher für ein paar Wochen ehrenamtlich in ein fremdes Land entsandte Helfer kann dies in einer Situation leisten, in der manches Mal sogar professionelle Helfer an die Grenzen der Belastbarkeit gehen müssen ?


Qualitätsmerkmale „Bürokratie“ und „Transparenz“

„Wir helfen schnell und unbürokratisch“ – ein bei vielen Hilfsorganisationen und Vereinen beliebter Werbeslogan. „Unbürokratisch“ steht hier als Synonym für „kostengünstig, ohne lästigen Papierkram und überflüssige Verwaltungsstrukturen“. Gleichzeitig entsenden größere Geber wie die EU oder deutsche Ministerien jährlich Wirtschaftsprüfer in die Büros der Hilfsorganisationen, um anhand (möglichst umfangreicher) Projektdokumentationen die sachgerechte Verwendung von Finanzmitteln zu überprüfen. Ein erfahrener Kollege drückte es einmal so aus: „Unbürokratisch“ bedeutet im Rahmen der humanitären Hilfe mangelnde Transparenz, fehlende Belege, die eventuelle Aberkennung eines Spendensiegels und beim nächsten Mal keine Zuwendungen größerer Geberorganisationen oder der öffentlichen Hand“.

Ein Widerspruch ? Nicht unbedingt. Die Herstellung der verlangten Transparenz im Bereich der Mittelverwendung kann nur über entsprechend umfangreiche Dokumentationen der Projekte hergestellt werden. Hierzu sind entsprechende schlanke Verwaltungsstrukturen zwingend erforderlich, allerdings vor Ort im Katastrophengebiet und nicht am Stammsitz der Geberorganisation.

Jeder größere Geber verwendet andere Verträge, gibt unterschiedliche Budgetkategorien und Laufzeiten vor, verlangt unterschiedliche Formen der Nachweise und legt eigene Prüfkriterien fest. Und bei größeren Katastrophen kommt es oft genug zu Mischfinanzierungen eines umfangreichen Hilfsprojekts, mit allen dabei entstehenden administrativen Problemen.

Erfahrene Katastrophenmanager wissen dies und sind in der Lage, die notwendigen administrativen Aufgabenstellungen parallel zur „schnellen Hilfe“ an jedem beliebigen Ort der Welt zu erfüllen.


Wenn Sie Fragen rund um die Stiftung oder zu aktuellen Projekten haben, senden Sie uns eine E-Mail.

 

 

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